Du wünschst dir einfach mal wieder ein Erwachsenenleben? Vielleicht fehlt dir nicht nur Zeit für dich. Denn Erholung, Selbstbestimmung und Freude sind nicht dasselbe. Warum dieser Unterschied wichtig ist und was er über deine Bedürfnisse verraten kann.
Ich möchte einfach mal wieder ein Erwachsenenleben führen.
Wahrscheinlich kennst du diesen Gedanken.
Du möchtest abends auf dem Sofa sitzen, ohne gleichzeitig die Wäsche zusammenzulegen. Du möchtest mit einer Freundin essen gehen, ein Buch lesen, ins Kino gehen oder einfach irgendetwas tun, bei dem nicht schon der nächste Gedanke lautet: Wann muss ich wieder zu Hause sein? Wann wird mein Kind wach? Was steht morgen an?
Vielleicht wünschst du dir auch einfach mal wieder einen Abend, an dem du selbst entscheidest, was du machst.
Schnell entsteht daraus die naheliegende Schlussfolgerung:
Ich brauche mehr Zeit für mich.
Das kann stimmen.
Gleichzeitig lohnt es sich, noch etwas genauer hinzuschauen.
Wahrscheinlich fehlt dir nicht nur freie Zeit. Wahrscheinblich fehlt dir etwas, das durch eine Pause allein gar nicht automatisch entsteht.
Freude.
Permanent auf Abruf
„Ich bin permanent auf Abruf.“
Vielleicht kennst du dieses Gefühl.
Dein Kind spielt nebenan, schläft oder beschäftigt sich gerade allein. Eigentlich gibt es nichts zu tun.
Trotzdem bist du nicht wirklich entspannt.
Du hörst genauer hin und registrierst jedes Geräusch. Wenn es plötzlich unruhig wird, weint oder nach dir ruft, bist du innerlich schon auf dem Sprung.
Braucht es mich?
Soll ich hingehen?
Muss ich helfen?
Manchmal ist der Körper längst auf dem Sofa angekommen, während innerlich die Bereitschaft weiterläuft.
Natürlich gehört es zum Elternsein dazu, aufmerksam zu sein und zu reagieren, wenn das eigene Kind Unterstützung braucht.
Die entscheidende Frage ist eine andere:
Braucht dein Kind dich tatsächlich in jedem dieser Momente oder ist es manchmal dein eigenes Gefühl von Verantwortung, das dich sofort in Bereitschaft versetzt?
Wenn sich dein Alltag nur noch nach Funktionieren anfühlt
Mit einem Baby oder Kleinkind verändert sich der Alltag grundlegend.
Plötzlich gibt es viele Bedürfnisse, die nicht auf später verschoben werden können. Dein Kind braucht Nahrung, Nähe, Begleitung, Regulation und Schlaf. Dazu kommen Einkaufen, Wäsche, Termine, Haushalt und all die kleinen Dinge, die organisiert werden wollen.
Vieles davon ist selbstverständlich und gehört zum Familienleben.
Trotzdem kann dabei etwas passieren, das zunächst kaum auffällt:
Fast alles, was du tust, bekommt einen Zweck.
Du gehst einkaufen, weil etwas gebraucht wird.
Du bereitest Essen vor, weil jemand Hunger haben wird.
Du planst den Nachmittag, weil dein Kind irgendwann müde wird.
Du räumst auf, organisierst und denkst voraus.
Du liegst dann abends endlich auf dem Sofa und merkst, dass du eigentlich nur noch froh bist, gerade nichts tun zu müssen.
Das kann eine dringend notwendige Pause sein.
Aber ist es auch das, wonach du dich eigentlich sehnst?
Warum selbst freie Zeit plötzlich einen Zweck bekommt
Das Spannende ist: Selbst freie Zeit bleibt im Familienalltag häufig nicht wirklich frei.
Das Kind schläft?
Dann lässt sich noch schnell die Küche aufräumen.
Jemand passt auf dein Kind auf?
Perfekt, dann kannst du endlich in Ruhe etwas erledigen.
Am Abend ist eine Stunde übrig?
Dann möchtest du vielleicht nur noch aufs Sofa, weil du erschöpft bist.
So kann Freizeit zunehmend zwei Funktionen bekommen:
Entweder nutzt du sie, um etwas zu erledigen oder du nutzt sie, um dich von deinem Alltag zu erholen.
Beides kann sinnvoll und notwendig sein.
Gleichzeitig kann genau hier das Gefühl entstehen:
Wo bin eigentlich ich in meinem Leben geblieben?
Du brauchst weder mehr Zeit ohne dein Kind noch stimmt etwas nicht mit eurem Familienleben.
Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was dir tatsächlich fehlt.
Erholung ist nicht dasselbe wie Freude
Dieser Unterschied ist für mich entscheidend.
Wenn du erschöpft bist, brauchst du möglicherweise Ruhe.
Wenn du seit Stunden auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse reagierst, möchtest du vielleicht eine Zeit lang von niemandem etwas gefragt werden.
Wenn deine Nächte kurz sind, kann eine Gelegenheit zum Schlafen viel wertvoller sein als jeder Abend mit Freunden.
Erholung beantwortet vor allem eine Frage:
Wovon brauche ich gerade eine Pause?
Freude beginnt an einer anderen Stelle:
Was möchte ich erleben?
Du möchtest einfach mit einer Freundin essen gehen und irgendwann feststellen, dass ihr seit drei Stunden redet.
Vielleicht möchtest du tanzen.
Vielleicht möchtest du laut Musik hören.
Vielleicht möchtest du in Ruhe durch Geschäfte bummeln, dich in einem Buch verlieren, mit deinem Partner über völligen Blödsinn lachen oder etwas ausprobieren, das keinerlei vernünftigen Nutzen hat.
Das Entscheidende ist nicht, was du machst, sondern was du nicht machst, weil es notwendig ist.
Nicht, weil danach die Wohnung ordentlicher ist, nicht, weil es deinem Kind bei seiner Entwicklung hilft und nicht einmal, weil du dringend regenerieren solltest.
Du machst es, weil du Lust darauf hast.
Vielleicht fehlt dir gar nicht einfach „mehr Zeit für mich“
Ich brauche mehr Zeit für mich ist ein Satz, der schnell gesagt ist.
Allerdings beschreibt er noch nicht, was du mit dieser Zeit eigentlich brauchst.
Vielleicht bist du so erschöpft, dass du tatsächlich Ruhe brauchst.
Vielleicht fehlt dir die Möglichkeit, wieder einmal selbst über deine Zeit zu bestimmen.
Vielleicht vermisst du Gespräche mit anderen Erwachsenen.
Vielleicht fehlt dir die Nähe zu deinem Partner.
Vielleicht vermisst du bestimmte Seiten an dir selbst oder vielleicht merkst du, dass dir etwas fehlt, auf das du dich freust.
Diese Unterschiede sind wichtig.
Zwei Stunden freie Zeit lösen nicht automatisch das Bedürfnis, das hinter deinem Wunsch nach einem „Erwachsenenleben“ steckt.
Du kannst zwei Stunden allein auf dem Sofa verbringen und dich danach immer noch danach sehnen, endlich mal wieder etwas zu erleben.
Genauso kann ein Abend mit Freunden die falsche Antwort sein, wenn du eigentlich völlig erschöpft bist und nur schlafen möchtest.
Deshalb finde ich die Frage „Wie bekomme ich mehr Zeit für mich?“ manchmal zu kurz gedacht.
Die viel spannendere Frage ist doch:
Was fehlt mir eigentlich?
Was vermisst du eigentlich?
Es ist escht hilfreich, einmal auf die Situationen zu achten, in denen der Gedanke besonders laut wird:
Ich möchte einfach mal wieder ein Erwachsenenleben führen.
Was ist kurz davor passiert?
War der Tag besonders anstrengend?
Hast du das Gefühl, seit Stunden nur auf andere zu reagieren?
Sehnst du dich danach, dass niemand etwas von dir möchte?
Oder taucht plötzlich ein ganz konkretes Bild auf?
Ein Restaurant.
Ein Konzert.
Ein Abend mit Freunden.
Ein Wochenende, an dem nicht jede Stunde durchgetaktet ist.
Etwas Kreatives.
Sport.
Musik.
Ein Buch.
Vielleicht sogar etwas völlig Albernes.
Ich möchte nicht, dass daraus sofort eine neue Aufgabe auf deiner To-Do-Liste entsteht.
Ich wünsche mir, dass du deinen eigenen Wunsch genauer verstehst.
Denn Ruhe, Selbstbestimmung, Verbindung und Freude sind nicht dasselbe.
Wenn du weißt, was dir fehlt, kannst du viel klarer überlegen, was davon in eurem aktuellen Familienleben möglich und stimmig sein könnte.
Freude soll nicht zur nächsten Aufgabe werden
Genau an dieser Stelle lauert allerdings eine kleine Falle.
Du stellst fest:
Stimmt. Mir fehlt Freude.
Also kommt „mehr Freude“ auf die innere To-do-Liste.
Mehr Quality Time. Mehr Selfcare. Regelmäßige Verabredungen. Ein neues Hobby.
Plötzlich wird sogar Lebensfreude zum nächsten Projekt, das organisiert werden soll.
Das ist nicht der Punkt.
Du brauchst keinen weiteren Bereich deines Lebens, den du optimieren kannst.
Die Veränderung beginnt viel kleiner.
Sie beginnt damit, überhaupt wieder wahrzunehmen, was dir Freude macht.
Nicht, was gesund wäre.
Nicht, was als gute Selbstfürsorge gilt.
Nicht, was andere Mütter machen, sondern das, worauf du Lust hast.
Vielleicht passt davon gerade nur wenig in deinen Alltag. Vielleicht verändert sich das in einigen Monaten wieder. Familienleben ist nicht statisch. Die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Rahmenbedingungen verändern sich.
Schon die Unterscheidung kann etwas verändern:
Brauche ich gerade Erholung oder fehlt mir Lebendigkeit?
Ein Erwachsenenleben bedeutet nicht automatisch ein Leben ohne dein Kind
Der Wunsch nach einem eigenen Leben kann sich unangenehm anfühlen.
Gerade dann, wenn du dein Kind sehr liebst und dich bewusst dafür entschieden hast, es bindungsorientiert und zugewandt zu begleiten.
Es taucht schnell die Frage auf:
Warum reicht mir das nicht?
Es ist das allerdings gar nicht die richtige Frage.
Mutter zu sein ist ein wichtiger Teil deines Lebens. Es bedeutet nicht automatisch, dass Verantwortung, Versorgung und Regeneration dein gesamtes Leben ausfüllen müssen.
Deine Bedürfnisse verschwinden nicht dadurch, dass du Mutter geworden bist.
Genauso wenig bedeutet dein Wunsch nach Freude, Selbstbestimmung oder einem Abend mit anderen Erwachsenen, dass dein Kind weniger wichtig geworden ist.
Beides kann gleichzeitig existieren.
Vielleicht brauchst du nicht nur mehr Pausen
Wenn du also das nächste Mal denkst, dass du wieder ein Erwachsenenleben führen möchtest, lohnt sich eine andere Frage:
Wonach sehne ich mich gerade eigentlich?Nach Ruhe?
Nach Schlaf?
Nach einem Gespräch?
Nach Selbstbestimmung?
Nach Nähe oder nach etwas, das einfach nur Spaß macht?
Es gibt darauf keine richtige Antwort.
Allerdings zeigt deine Antwort einen Unterschied.
Erst, wenn du genauer verstehst, was dir fehlt, kannst du überlegen, was in eurem Familienleben gerade wirklich hilfreich ist.
Manchmal brauchst du eine Pause.
Manchmal brauchst du Unterstützung.
Manchmal möchtest du einfach wieder etwas tun, auf das du dich freust.
Nicht alles in deinem Leben braucht einen vernünftigen Grund.
Manches darf einfach schön sein.